Gut gegen Nordwind und Langeweile

„Gut gegen Nordwind“ lautet der Titel eines E-Mail Romans von Daniel Glattauer, den ich gerade gelesen habe.

Es handelt sich, um eine Liebesgeschichte, die sich aus einer fehlgeleiteten E-Mail zum Abbestellen einer Zeitschrift entwickelt. Die beiden Mailschreiber verlieben sich in das virtuelle „Image“ ihrer Vorstellungen des Gegenübers und rätseln, ob ihre Liebe ein reales Treffen aushalten würde.

Trotz des störenden aggressiven Tons in den ersten Mails ihrer Beziehung entwickelt sich eine kurzweilige und interessante Geschichte, die besonders geeignet ist für Leute, die Abends gerne ein bis zwei Absätze lesen möchten, ohne den Faden zu verlieren.

Grüße

W.

Joseph Heller

Vor einigen Tagen habe ich mit dem Teleobjektiv experimentiert und das Bücherregal abgelichtet. Dabei fiel mir wieder die Reihe mit den Büchern von Joseph Heller auf.

Catch 22 ist in den Sprachgebrauch eingegangen, um eine ausweglose paradoxe Situation zu beschreiben. Dazu einer der interessantesten Haken:

„Sorgen machte ihm auch Yossarián, der nun auf der Stelle beschloß, den Verstand zu verlieren.

„Du verschwendest nur deine Zeit“, mußte Doc Daneeka ihn aufklären.

„Kannst du denn nicht jemanden fluguntauglich schreiben, der den Verstand verloren hat?“

„Oh gewiß doch. Ich muß sogar. Es gibt eine Vorschrift, die besagt, daß ich jeden Verrückten für fluguntauglich erklären muß.“

„Warum also nicht mich? Ich bin verrückt. Du brauchst nur Clevinger zu fragen.“

„…Bring mir Clevinger und ich werde ihn fragen.“

„Du kannst auch jeden anderen fragen. Alle werden dir bestätigen, daß ich verrückt bin.“

„Die sind ja selber verrückt.“

„Warum schreibst du sie dann nicht fluguntauglich?“

„Warum bitten sie mich nicht darum?“

„Weil sie verrückt sind, deshalb.“

„Natürlich sind sie verrückt“, erwiderte Doc Daneeka. „Ich hab` dir doch gerade gesagt, daß sie verrückt sind. Und du kannst doch nicht Verrückte darüber urteilen lassen, ob du verrückt bist oder nicht.“

Yossarián betrachtete ihn nüchtern und versuchte es auf einem anderen Weg. „Ist Orr verrückt?“

„Klar ist er verrückt“, sagte Doc Daneeka.

„Kannst du ihn fluguntauglich schreiben?“

„Klar kann ich das. Er muß aber erst darum bitten. So verlangt es die Vorschrift.“

„Warum bittet er dich denn nicht darum?“

„Weil er verrückt ist“, sagte Doc Daneeka. „Er muß einfach verrückt sein, sonst würde er nicht immer wieder Einsätze fliegen, obgleich er oft knapp mit dem Leben davongekommen ist. Selbstverständlich kann ich Orr fluguntauglich schreiben. Er muß mich aber erst darum bitten.“

„Mehr braucht er nicht zu tun, um fluguntauglich geschrieben zu werden?“

„Nein, mehr nicht. Er braucht mich nur zu bitten.“

„Und dann kannst du ihn fluguntauglich schreiben?“ fragte Yossarián.

„Nein. Dann kann ich es nicht mehr.“

„Heißt das, daß die Sache einen Haken hat?“

„Klar hat sie einen Haken“, erwiderte Doc Daneeka. „den X-Haken. Wer den Wunsch hat sich vom Fronteinsatz zu drücken kann nicht verrückt sein.“

Es war nur ein Haken bei der Sache, und das war der X-Haken. X besagte, daß die Sorge um die Sicherheit angesichts realer, unmittelbarer Gefahr als Beweis für fehlerloses Funktionieren des Gehirns zu werten sei. Orr war verrückt und konnte fluguntauglich geschrieben werden. Er brauchte nichts weiter zu tun, als ein entsprechendes Gesuch zu machen; tat er dies aber, so galt er nicht länger mehr als verrückt und würde weitere Einsätze fliegen müssen. Orr wäre verrückt, wenn er noch weitere Einsätze flöge, und bei Verstand, wenn er das ablehnte, doch wenn er bei Verstand war, mußte er eben fliegen. Flog er diese Einsätze, so war er verrückt und brauchte nicht zu fliegen; weigerte er sich aber zu fliegen, so mußte er für geistig gesund gelten und war daher verpflichtet, zu fliegen. Die unübertreffliche Schlichtheit dieser Klausel der X beeindruckte Yossarián zutiefst, und er stieß einen bewundernden Pfiff aus.“[1]



 

[1] Heller: Catch 22. 1994. S.57 u. 58

 

„Endzeit“ erschien 1994 und greift die Figuren von „Catch 22“ wieder auf. Leider ist das Buch momentan vergriffen. Sollte man aber im Antiquariat darüber stolpern, so empfehle ich, das Buch unbedingt mitzunehmen und zu lesen. Es handelt sich um eine bunte und groteske Gesellschaftskritik, die ihren Höhepunkt in der absurden Vernichtung oder Rettung der Welt sucht.

Grüße

W.