Was ist ein guter Ton?
Physiker würden die Frage vermutlich mit irgendwelchen Schwingungsangaben beantworten können.
Im Allgemeinen versteht man wohl unter dem „guten Ton“ das angenehme und respektvolle Miteinander. Natürlich besteht so etwas auch häufig nur aus Floskeln. Begrüßungen nur als Beispiel.
Bei der Kommunikation zweier Personen, kann der gute Ton sich auch nonverbal äußern. Dabei meine ich nicht nur das gutmütige zustimmende Brummen oder das sächsische „Nö“, welches „Ja“, „Nein“ oder auch „Vielleicht“ bedeuten kann, sondern auch z.B. ein freundliches Lächeln.
Mir fällt manchmal auf, dass es Menschen gibt, die ein Problem mit dem guten Ton haben. Dazu gehören manchmal Spaziergänger, die nebeneinander laufend den ganzen Weg versperren. Wenn man sich als Radler von hinten nähert, abbremst und ein freundliches „Entschuldigen Sie bitte.“ hören lässt, drehen sich diese Menschen um, raunzen „Hast Du keine Klingel!“ und gehen widerstrebend zur Seite.
Ich sehe da 2 massive Verstöße gegen den guten Ton. Zum Einen bin ich inzwischen weit davon entfernt, ein pickliger Teenager zu sein, den man einfach so duzen kann. Zum Anderen muss man ja nicht immer mit der Klingel die Leute aus dem Weg jagen. Die Klingel ist ein Alarmsignal und spricht, insofern sie überhaupt am Rad angebracht ist, folgende in Übersetzung gebrachte Sprache: „Verpiss Dich auf die Seite, Du lahmer Fußgänger! Der Weg hier gehört mir, Du hast hier nichts zu suchen!“
Leider ist es tatsächlich so, dass vorwiegend die älteren Mitmenschen den von hinten sich nähernden Radfahrer nicht bemerken und dass sie gelegentlich ein Problem mit höheren Tönen haben. Also kann man sich im Prinzip das Klingeln ersparen, weil es sowieso damit endet, dass man Abbremsen und verbal um Platz bitten muss. Warum sollte ich dann bitte vorher klingeln und nicht gleich höflich anfragen?
Wie so häufig, dreht sich alles im Kreis und endet damit, dass jemand auf eine höfliche Bitte mit einer brüsken Antwort reagiert und somit den Bittenden vor den Kopf stößt. Dabei ist es doch ganz einfach, oder nicht? Ich liebe es, freundlich „Grüß Gott und vielen Dank!“ beim Vorbeifahren zu sagen.
Eine weitere Gattung sind Förster, Jagdpächter oder wie auch immer sich die Herren nennen, die mit ihren geländegängigen PKW im Wald herum fahren und mir als MTBiker begegnen. Beginn des Gesprächs ist das Herunterkurbeln des Fahrerfensters und das Heraushängen eines zornesroten Kopfes: „Was machst Du hier. Hier hast Du nichts verloren!“ Damit wird jedes vernünftige Gespräch von Grund auf im Keim erstickt. Und warum? Ja klar, der gute Ton!
Letzten Sonntag habe ich gleich zwei dieser Exemplare auf einen Fleck getroffen. Sie standen neben ihrem Fahrzeug, wir näherten uns zu zweit über einen Wiesenweg, der über eine Steigung in den Wald führte. Beginn war ein obligatorisches, dass man auf dem Weg, auf dem wir fahren würden, nichts verloren habe. Natürlich wurden wir geduzt. Ein freundlicher Hinweis auf die beiden Fahrspuren, die sich auf dem Wiesenweg befanden, fruchtete nicht.
Eine Diskussion mit Personen, die mit dem „guten Ton“ im Argen liegen, führt von vorne herein leider zu nichts, also ließen wir uns nicht auf ein weiteres Gespräch ein, wünschten einen guten Tag und fuhren auf einem geschotterten Waldweg weiter. Nach 2 Min überholte uns der geländegängige PKW und stand 500m weiter quer auf dem Weg, beide Herren ausgestiegen, Wildfutter verteilend.
„Hier geht es nicht weiter!“ schallte es uns entgegen. Meines Erachtens kann das jeder behaupten und da ich die Strecke nicht kannte, zirkelte ich mein Rad am Auto vorbei. Schwierig, da ich dazu auf den Seitenstreifen musste, da die mangelnde Länge des Fahrzeuges durch das Öffnen der Heckklappe ausgeglichen wurde. In der Tat sah ich auf einen Wendehammer von dem aus ein Waldweg und eine Rückegasse abgingen. Großes Geschrei hinter mir. Der Grünbefrackte packte die gute alte „Du bist bescheuert“-Kiste aus. „Bleib ruhig!“ raunte mir mein Begleiter zu, „Komm wir drehen ab, hat doch kein Sinn zu streiten.“ Dies führte dazu, dass der Herr uns weiterhin unhöflich Worte hinterher spie.
Adrenalin im Blut dauerte es ein halbe Stunde, bis ich wieder Genuss beim Radeln verspürte.
Ich möchte mich deswegen ganz herzlich bei dem Herren, der sowohl vom „guten Ton“ als auch den rechtlichen Begebenheiten keine Ahnung zu haben scheint, bedanken und ihm trotzdem wünschen, dass er einen schönen Sonntag hatte. Mein Sonntag war ansonsten nämlich einfach klasse!
Das Waldgebiet zwischen Unterbalbach und Oberbalbach ist schön. Ich verspreche gerne, dort die Wege nicht zu verlassen. (Die Unterscheidung Weg und Rückegasse kann knifflig werden und ich würde eine rechtliche Auseinandersetzung scheuen, wenn diese gleichzeitig mit Nötigung und Beleidigung einhergeht.)
Der Frieden des Waldes und der Natur wird meiner Meinung nach eher durch Schreierei und dem Motorenlärm gestört, als von zwei umherirrenden und ortsfremden Mountainbikern. Vom Nutzen des Anfütterns von Wild bei deutlichen Plusgraden habe ich ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung, bin mir aber sicher, dass bessere Gründe vorlagen sich mit dem Auto im Wald aufzuhalten, als unsererseits an einem Sonntag Morgen Erholung zu suchen.
Das es auch anders geht, bewies ein Förster, der mich auf dem Verbindungsweg zwischen Großrinderfeld und Tauberbischofsheim darauf hinwies, dass der Weg wegen Holzfällarbeiten gesperrt sei. Ich entschuldigte mich und wies darauf hin, dass ich von der Seite auf diese Straße gestoßen sei und ich deswegen die Schilder nicht gesehen habe. Wir wünschten uns gegenseitig einen schönen Tag und er bat mich abschließend darum, dieses Waldgebiet zu verlassen und vorsichtig zu sein.
Gerne doch. 🙂
Der Ton macht die Musik.

Stumme Zeugen. Hier in Reicholzheim
Grüße
W.